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Panorama der Stadt Kar-Tukulti-Ninurta nach der Ausgrabung. Besonders deutlich tritt der Tempelturm (Ziqqurrat) hervor.

Plan von Kar-Tukulti-Ninurta nach den Ausgrabungen W. Bachmanns 1913/14.  
Eine mittelassyrische Residenzstadt

Irak, 1913-1914

 

Die europäischen Forschungsreisenden und Ausgräber des 19. Jhs. hatten Tulül al-cAqar, der 3 km oberhalb von As sur auf dem jenseitigen, östlichen Ufer des Tigris gelegenen Ruinenstätte, keine nennenswerte Aufmerksamkeit geschenkt. Als jedoch die Deutsche Orient-Gesellschaft von 1903-1914 ihre Ausgrabungen in Assur durchführte, gehörte auch Tulül al-cAqar zum Grabungsgebiet. Die osmanische Regierung hatte, wie Walter Andrae berichtet, eine Genehmigung zur Untersuchung auch dieser benachbarten Stadtanlage bereitwilligst erteilt. So wurde es möglich, in einer vom Oktober 1913 bis März 1914 stattfindenden Kampagne, die unter der Leitung des Architekten Walter Bachmann stand, auf einem 62 ha großen, etwa rechteckigen Gelände die wichtigsten öffentlichen Gebäude auszugraben oder ihre Grundpläne im wesentlichen aufzunehmen (Abb. 81).
Das geschah unter Einsatz von zeitweise bis zu 270 Arbeitern, die an der Wallanlage und den im Stadtgebiet anstehenden Kuppen tätig wurden. Sie legten zunächst eine Toranlage (D) mit einem Teil der Stadtmauer frei, sodann den u. a. wegen seiner Wandmalereien erwähnenswerten Assur-Tempel (B) mit der -anders als in Assur - unmittelbar anschließenden Ziqqurrat sowie im Nordwesten des Stadtgebietes den am Ufer des Tigris gelegenen Bereich des Nord- und des Südpalastes (M u. A). Ferner wandte man sich Teilen der inneren Stadtmauer (C u. L) zu, der Binnenmauer, die das Areal in eine Weststadt und eine Oststadt teilte. Außerdem kamen eine turmartige Anlage (K) unbekannter Bestimmung und ein Wohnhaus (J) zutage (Abb. 80a.b).
Durch den Fund einer Alabasterinschrift Tukulti-Ninurtas I. (1233-1197 v. Chr.) im Gebiet des Assur-Tempels erlangten Bachmann und Andrae sehr bald Gewißheit, daß in Tulül al-cAqar das antike Kar-Tukulti-Ninurta (kār Tukultï-Ninurta: «Kai des Tukulti-Ninurta») vor ihnen lag. Von der Gründung und Ausstattung der zur Residenz und zum Kultmittelpunkt bestimmten neuen Stadt hatte man bereits aus einer in Assur gefundenen Inschrift des Königs erfahren. Tukulti-Ninurta I. stand am Ende einer
Reihe bedeutender Herrscher des späten 14. und des 13. Jhs. v. Chr., die Assyrien in zahlreichen Eroberungszügen zu dem mächtigsten Staat Vorderasiens gemacht hatten. Der Bedeutung der anscheinend unmittelbar nach dem gewaltsamen Tod Tukulti-Ninurtas I. wieder aufgegebenen Anlage waren sich die Ausgräber nur zu bewußt, als sie Walter Andrae «für die Datierung aller Einzelfunde ganz unschätzbar» nannten.
Obgleich es bisher zu keiner Gesamtpublikation jener ersten Kampagne in Tulül al-cAqar gekommen ist, sind wichtige Grabungsergebnisse sowohl in die Fachliteratur eingegangen als auch im Vorderasiatischen Museum zu Berlin für jedermann sichtbar geworden. Nach den ersten zusammenfassenden Berichten der Ausgräber, die in den Mitteilungen der Deutschen Orient-Gesellschaft publiziert worden waren, hatte auch Walter Andrae in seinem Buch «Das wiedererstandene Assur» die Grabungsbefunde aus Kar-Tukulti-Ninurta resümiert. Bachmann, der später nicht mehr in der vorderasiatischen Archäologie arbeitete, war schließlich, von Andrae gedrängt, noch in seinen letzten Lebensjahren - er starb 1958 -bemüht, eine Endpublikation fertigzustellen.
Ohne einen Zugang zu diesem Manuskript und zum Grabungstagebuch wie auch Gewißheit über den Verbleib der Materialien erlangen' zu können, unter-
nahm es Tilman Eickhoff zu Beginn der 80er Jahre, die Dokumentation der Grabung, soweit sie im Archiv der DOG vorhanden war, aufzuarbeiten. Das Ergebnis liegt in monographischer Form vor.41
Erst im Jahre 1992 gelang es, im Landesarchiv Dresden den Nachlaß W. Bachmanns ausfindig zu machen und darin erwartungsgemäß umfangreiche Aufzeichnungen über die Grabungen in Kar-Tukulti-Ninurta festzustellen. Deren weitere Bearbeitung hat R. Dittmann übernommen, der im Oktober und November 1986, also 72 Jahre nach jener ersten Untersuchung, eine weitere Grabungskampagne in Tulül al-cAqar geleitet hatte.
Diese sowohl personell als auch zeitlich vergleichsweise begrenzte Unternehmung hatte sich zum Ziel gesetzt, durch Oberflächenuntersuchungen und Testschnitte nach Möglichkeit einige der von der ersten Grabung gestellten Fragen zu beantworten. Zu diesen gehörte z.B. der Verlauf der nördlichen Stadtbegrenzung, das Ausmaß der Besiedlung des Stadtgebietes und die Struktur des Palastbereiches und des Wohnhauses. Ferner sollte ein topographischer Plan des Geländes angefertigt und ein Keramik-Corpus für das ausgehende 13. und beginnende 12. Jh. ermittelt werden.
Im Ergebnis der Untersuchungen ließ sich Klarheit darüber gewinnen, daß das Areal der Weststadt auch außerhalb der öffentlichen Bauten in bestimmten Sektoren besiedelt war und die Siedlungsspuren bis in die nachassyrische Zeit reichen. Zudem ergab der Survey, daß die Stadt erheblich umfangreicher war, als Bachmann angenommen hatte. Klar ist aber auch, daß nicht von einer dichten Besiedlung des Stadtgebietes gesprochen werden kann. Anders als in Assur sah man sich dank reichlich vorhandener freier Flächen nicht gezwungen, über älteren Bauresten zu siedeln.
Schon 1988 zeichnete sich die Möglichkeit ab, eine weitere Kampagne in Kar-Tukulti-Ninurta durchzuführen. Die Archäologen der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Reinhard Ditt-mann sahen sich aber veranlaßt, in diesem Jahr in Assur zu arbeiten, da zu der Zeit das Ostufer des Tigris vom Grabungshaus in Assur her nicht erreichbar war. Erst 1989 konnten sie wieder in Kar-Tukulti-Ninurta tätig werden.
Diese nächste und bisher letzte Kampagne in Kar-Tukulti-Ninurta führte zu weiteren überraschenden Ergebnissen. So konnten z.B. überwiegend mittelassyrische Siedlungsspuren noch 1,5 km südlich des Tores D festgestellt werden, womit inzwischen für diese Zeit eine Besiedlung auf mindestens 240 ha nachgewiesen ist. Eine sichere Aussage über die Ausdehnung der Stadt kann somit weiterhin nicht getroffen werden. Nach den Befunden aus den im Nordwesten des Stadtgebietes in Flußnähe gelegenen Grabungsarealen A-F liegt unter einem spätassyrischen ein mittelassyrischer Komplex, der verschiedenen Anzeichen zufolge zum Palast Tukulti-Ninurtas I. zu gehören scheint. Er spricht dafür, daß sich die Anlagen des Nordpalastes in nördlicher Richtung wesentlich weiter ausdehnten, als man bisher annahm. Ferner wurde weit außerhalb der vermuteten nördlichen Stadtbegrenzung eine Erhebung (Teil O) untersucht, in der ein kleiner assyrischer Langraumtempel nachgewiesen werden konnte.
Nach den Ergebnissen der letzten beiden Kampagnen formulierten die Ausgräber ihre Vorstellungen von den noch zu
leistenden Untersuchungen in Kar-Tukulti-Ninurta: «Problematisch, aber nicht uninteressant wäre eine partielle Freilegung des Hauptraumes des Nordpalastes, der noch unergraben und massiv ansteht, denn in diesem Teil sind vielleicht nicht nur Wandmalereien zu erwarten. Der Südpalastteil dagegen ist nur schwer anzugehen, da der gesamte Komplex stark erodiert ist.»42 Ähnlich skeptisch in Hinsicht auf den gegenwärtigen Zustand der Stadtanlage äußert sich Dittmann in einem weiteren Vorbericht: «Obgleich Kar-Tukulti-Ninurta flächenmäßig immer größer wird, ist das, was die rezenten landwirtschaftlichen Aktivitäten von der Ruine übriggelassen haben, erschütternd gering. Dies wenige in repräsentativem Umfang auszugraben, wird die Aufgabe der nächsten Kampagnen sein.»43
Unberührt von dem Befund, daß in Kar-Tukulti-Ninurta auch reichliche neu-und nachassyrische Besiedlungsspuren vorliegen und sich dieser Sachverhalt für die neuassyrische Zeit in den keilschriftlichen Quellen zu bestätigen scheint, bleibt die Tatsache, daß der Ort nur während jener einen Regierungszeit Residenz war. Das verleiht ihm seine historische Bedeutung, während das schon von Walter Bachmann festgestellte nahezu völlige Fehlen von Kleinfunden im Assur-Tem-pel und auch dessen zugemauerte Türen deutlich auf eine bewußte Auflassung der offiziellen Gebäude hinzuweisen scheinen. Nicht zuletzt daher rührt das spezielle archäologische Interesse, das diese Stadtanlage nach wie vor erweckt.
 

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